„Wir ziehen im Sommer nach Georgien“ – das Gespräch mit unseren Kindern

„Mama, ich freue mich darauf, meinen Geburtstag in Tiflis zu feiern!“

Das war der schönste Satz, den ich gestern gehört habe. Und ich war unheimlich stolz auf mein großes Mädchen, auf meine siebenjährige Tochter, die so viel älter wirkte gestern.

Ich hatte darüber geschrieben, wie schwer es mir fallen wird, mit den Kindern über den bevorstehenden Umzug zu sprechen. Vier Jahre sind eine lange Zeit, für meinen Sohn fast sein komplettes bisheriges Leben. Da werden wir nicht so tun können, als machten wir nur einen längeren Urlaub. Daher merkte ich, wie ich das Gespräch immer weiter hinauszögern wollte, um ihnen noch ein wenig sorgenfreie Zeit zu schenken. Doch dann überraschte uns unsere aufmerksame Tochter.

Sie wachte Samstag morgens früh auf und kam wie immer zu uns ins Schlafzimmer gelaufen, kuschelte noch eine Weile zwischen uns, bis der Papa wach war und dann gingen beide in ihr Zimmer, um die Murmeltiermama noch ausschlafen zu lassen. (Ja, ich bin der Morgenmuffel in der Familie…)

Als ich wach wurde, hörte ich von drüben Sätze, die mich sofort aufhorchen ließen: „Im Sommer ist es dort sehr heiß, im Winter liegt manchmal Schnee, vor allem in den Bergen.“ „Ja, Pferde gibt es dort auch, sogar Wildpferde.“ Dann fiel der Name Tiflis. Gespannt schaute ich ins Zimmer, wo beide ganz ernsthaft miteinander sprachen. Meine Tochter schien interessiert und fröhlich, fast aufgeräumt. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Was war geschehen? Sie hatte ganz direkt ihren Papa gefragt: „Wohin ziehen wir im Sommer?“ Wie naiv von uns zu glauben, sie hätte nichts mitbekommen. Nun wollte sie endlich wissen, wohin es geht.  Und in diesem Moment, da war sie erst einmal voller Neugier, wollte alles wissen. Das Schwarze Meer, klar, das kennt sie doch von ihrer Europakarte, die beim Essen als Tischset unter ihrem Teller liegt. Wäre Georgien drauf gewesen, hätte sie auch die Hauptstadt gekannt, denn die Hauptstädte hat sie uns in letzter Zeit immer abgefragt. Georgien, das liegt halt genau dahinter, auf ihrem Globus konnte sie es nun sehen. Während mein Mann und ich Frühstück machten, hatte sie die Neuigkeit offensichtlich bereits ihrem Bruder erzählt, denn der wirkte nicht mehr besonders beeindruckt, als er es von uns erfuhr.

Das war also das Gespräch, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Es lief dann einfach ohne mich ab und beschränkte sich zunächst auf ein paar Fakten. Wofür ich unendlich dankbar bin, ist die Begeisterung der Großen für unser Abenteuer. Es war vielleicht das Beste, was passieren konnte, dass sie ihrem Bruder als Erste davon erzählt hat. Wenn sie es gut findet, findet er es zumindest schonmal nicht mehr so schlimm. Sie ist oft sein Maßstab.

„Der Anfang ist gemacht, wir müssen ihnen nicht alles auf einmal erzählen – aber jetzt können sie jederzeit Fragen stellen“, meinte mein Mann. Und hat das den beiden auch nochmal gesagt: Sie können uns alles fragen.

Zunächst einmal spielten sie natürlich und beschäftigten sich mit anderen Dingen: Legohochhäusern, den Abenteuern ihrer Stoffhunde und damit, ihr selbstgebasteltes Konfetti (bzw. wie ich korrigiert wurde: Hundeleckerlis) quer über eine Etage zu verteilen. Nur abends, als sie im Bett lagen, da kamen die Gedanken daran wieder und der Satz „Mama, ich freue mich darauf, meinen Geburtstag in Tiflis zu feiern!“  Und: „Bestimmt werde ich dort viele neue Freunde finden!“

Ich staunte. Mein kleines Mädchen, das bei allen immer als extrem schüchtern galt. Das wir aus einer Kita nehmen mussten, weil die Erzieherinnen und die Leiterin diese Schüchternheit als zu großes Problem ansahen, das es nicht ihre Aufgabe war zu lösen. Mein Mädchen, das oft für seine nachdenkliche Art und seinen Wunsch, sich erst mit einer Situation auseinanderzusetzen und dann zu reagieren, missverstanden wurde. Ich habe schon länger bemerkt, dass sie eine große innere Stärke besitzt, die ihr bei allen bisherigen Veränderungen – Krippe, Umzug, blöde Kita, gute Kita, Schule – geholfen hat. Habe gestaunt, welches Selbstbewusstsein sie entwickelt hat. Wie sie in der Schule zunächst scheinbar passiv in der Ecke stand und sich anderen nicht anschloss, nicht mitspielte, sondern beobachtete. Und wie sie dann wieder einmal eine Negativprophezeiung vollkommen widerlegte. „Sie wird keinen Anschluss finden, sie ist einfach noch nicht schulreif“, sagte die Lehrerin nach den Herbstferien. Dabei brauchte unsere Tochter einfach ihre Zeit, sich an die Veränderung zu gewöhnen – und wurde nach einer Weile morgens freudig von einer Schar Kinder begrüßt. Sie wurde so beliebt, dass sie zwischen verschiedenen Freundinnen verhandeln musste, die sie in der Pause nur für sich wollten. Sie wurde in der zweiten Klasse sogar zur Klassensprecherin gewählt und war stolz wie Bolle. Dabei änderte sie sich und ihre Art nicht. „In der Schule bin ich ein bisschen stiller“, sagt sie über sich selbst. Und ich bin überzeugt davon, dass ihr Selbstbewusstsein auch daher rührt, dass sie dies an sich akzeptiert. Sie denkt viel nach und ja, sie hat Ängste. Aber gerade daher ist sie der mutigste Mensch, den ich kenne: Weil sie diese Ängste immer wieder überwindet. Weil sie eine Schwierigkeit sieht und entschlossen ist, sich ihr zu stellen. So war es, als sie als Dreijährige beschloss, sie wollte 5 Tage bei Oma und Opa verbringen. Das hat sie durchgezogen und uns erst später verraten, dass sie auch mal Heimweh hatte. Oder als sie in der Schule dann doch bei der Gespensternacht über Nacht bleiben wollte. Oder als sie der Lehrerin beweisen wollte, dass sie keine „Schnecke“ ist und ihre langsame, verträumte Art auch umstellen kann, wenn es sein muss. Und als sie – kurz nach dem Gespräch mit der Lehrerin über ihre extreme Schüchternheit – als einzige Erstklässlerin in der Leserunde ebenfalls aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen wollte.

All das macht mich hoffnungsvoll für die kommenden Monate. Ich hoffe, dass sie auf diese Stärke zurückgreifen kann, wenn die ersten Schwierigkeiten auftreten. Die ersten Zweifel kamen noch am selben Abend, aber wir konnten sie besiegen. Sie war dann doch traurig, den nächsten Geburtstag nicht mit ihren derzeitigen Freunden feiern zu können. Daher haben wir eine Vorgeburtstagsparty beschlossen. Mit Kuchen und Spielen und allem, was dazugehört. So bleibt vom Tag des großen Gesprächs bei meiner Tochter vor allem eins: Eine große Freude, schon ein paar Monate früher ihren Geburtstag feiern zu können.

Wie war das bei euch – wie haben eure Kinder auf den bevorstehenden Umzug reagiert und wie alt waren sie? Ich würde mich sehr über Kommentare freuen.

Eure

Inga

 

 

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1000 Fragen an mich selbst – #2

Und hier kommt Teil 2 der „1000 Fragen an mich selbst“, einer Blogparade von Johanna von Pinkepank. 
Quasi ein Interview mit mir selbst, um wieder mehr Muße zu finden, über mein Leben nachzudenken.
21. Ist es wichtig für dich, was andere von dir denken?
Leider ist es mir oft zu wichtig, obwohl mir rational klar ist, dass es eigentlich keine Rolle spielt, was Fremde oder entfernte Bekannte von mir denken. Eigentlich crazy. Ist das Bild eines anderen von mir wichtiger als mein Selbstbild? Auf jeden Fall nehme ich mir vor, den Kinder beizubringen, dass es nicht das Wichtigste ist, was die Nachbarn über einen denken – oder auch die Lehrerin. Es ist nur eine Meinung (von tausenden), keine Wahrheit.
22. Welche Tageszeit magst du am liebsten?
Ich mag einen sonnigen, klaren, ruhigen Morgen, an dem ich an meinem hellen Schreibtisch sitze und meine Gedanken sortieren kann. Ich mochte früher gerne die Nächte, in denen ich im Sommer lange draußen unterwegs war. Ein Sommerabend am See oder am Meer, das wärs mal wieder.
23. Kannst du gut kochen?
Ich koche gerne, weil ich gerne esse. Leider hat sich die Art des Kochens wegen der Kinder eher zum Negativen verändert: Anstatt genussvoll und aufwendig neue und exotische Gerichte zu kochen, bleibt es oft eher beim Standard. Und der Genuss verbessert sich nicht gerade, wenn zwei Kinder der Maßstab sind, die am liebsten Nudeln mit Soße essen. Da falle ich manchmal schon erschöpft aufs Sofa, wenn ich nur darüber nachdenken soll, was wir die nächsten Tage essen.
24. Welche Jahreszeit entspricht deinem Typ am ehesten?
Sommer! Ich liebe Wärme, viel draußen sein, barfuß laufen, Sommerkleider tragen, am See sein und wenn die Natur rundherum in voller Blüte ist.
25. Wann hast du zuletzt einen Tag lang überhaupt nichts gemacht?
Meine Definition von „nichts machen“ wäre eher „nichts von der To Do-Liste abarbeiten“, denn irgendwas mache ich immer. Es gibt aber seit die Kinder da sind, kaum Tage, wo ich nichts erledige. Sündige Freizeitvergnügen waren in letzter Zeit: Mich aufs Sofa setzen und lesen, während die Kinder spielen, oder tagsüber (!) „Vorstadtweiber“ auf Netflix schauen, während ich Weihnachtspäckchen gepackt habe.
26. Warst du ein glückliches Kind?
Ich halte die Frage für unlogisch. Niemand ist dauerhaft glücklich. Ich war ein Kind, das oft auch glücklich war. Aber ich war nicht unbeschwert, ich habe mir schon immer viele Gedanken gemacht.
27. Kaufst du oft Blumen?
Ich kaufe mir gerne selbst Blumen, um sie mir auf den Tisch zu stellen und mich daran zu erfreuen. Insgesamt aber eher selten, lieber Topfpflanzen, die länger leben.
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28. Welchen Traum hast du?
Das finde ich gerade zu schwer zu beantworten.
29. In wievielen Wohnungen hast du schon gewohnt?
In 13 verschiedenen Wohnungen und in 8 verschiedenen Städten. Kurzes Zwischenwohnen irgendwo für einen Monat nicht mitgezählt.
30. Welches Laster hast du?
Ich esse zu viel Süßes und könnte ohne Schokolade nicht leben. Ich kann an keiner Buchhandlung vorbeigehen und fürchte den nächsten Umzug vor allem wegen unserer tausend Bücherkisten. (Und das, obwohl ich jetzt meistens auf dem Kindle lese…)
31. Welches Buch hast du zuletzt gelesen?
„Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji. Eine wunderbar und ungewöhnlich erzählte Geschichte, in der ich gerne noch länger geblieben wäre. Eine ungarischstämmige Familie aus Serbien zieht in die Schweiz, erzählt wird ihre Geschichte von einer der beiden Töchter. Die Sprache der Autorin ist einzigartig.
32.Warum hast du die Frisur, die du jetzt trägst?
Weil ich mir nicht sicher bin, welche andere Frisur zu mir passen würde. Insgesamt hätte ich gerne andere Haare.
33. Bist du von deinem Mobiltelefon abhängig?
Ja, zu sehr leider.
34. Wie viel Geld hast du auf deinem Bankkonto?
Das weiß ich nicht so genau. Geld interessiert mich irgendwie nicht, ich gebe es aus, wenn ich es notwendig finde, etwas zu kaufen. Ich schaue, dass ich Geld verdiene. Aber die Ausgaben und den Kontostand zu kontrollieren ist irgendwie nicht mein Ding.
35. In welchen Laden gehst du gern?
Wie schon erwähnt: Buchhandlungen. Da überkommt mich eine fast meditative Ruhe und ich könnte dort Stunden verbringen. Diese Zeit ist leider knapper geworden, seit ich Kinder habe.
36. Welches Getränk bestellst du in einer Kneipe?
Früher: Am liebsten Cocktails. Da Alkohol nicht mehr möglich ist: Limonade, zum Glück gibts da inzwischen interessante Sorten.
37. Weißt du normalerweise, wann es Zeit ist, zu gehen?
Ja.
38. Wenn du dich selbstständig machen würdest, mit welcher Tätigkeit?
Darauf hätte ich immer geantwortet: Mit dem Schreiben. Jetzt ist es endlich soweit!
39. Willst du immer gewinnen?
Nein. Der Spaß am Spiel ist mir tatsächlich wichtiger.
40. Gehst du in die Kirche?
It is complicated. Meine Beziehung zur Kirche, meine ich. Wir waren zuletzt zum Martinstag mit den Kindern in einer Kirche und ich fand es richtig schön. Davor waren wir zuletzt für einen Einschulungsgottesdienst in einer Kirche und auch das fand ich sehr schön. Eigentlich mag ich mir nicht gerne meinen Glauben von irgendwem diktieren lassen, daher bin ich nicht generell ein Kirchgänger. Aber die Atmosphäre und die Menschen mochte ich schon immer. Als ich – als evangelisch konfirmiertes Kind – mit auf einer katholischen Jugendfreizeit war, habe ich es genossen. Das Singen, die Gemeinschaft, die Abenteuer in der Natur drumherum. Und dass man über ernsthafte Themen miteinander spricht. Aber als ich eine sehr bibelgläubige Christin zur Mitbewohnerin hatte, gab es zwischen uns oft hitzige Diskussionen darüber – zum Beispiel über die Vorstellung, alle Nicht-Christen kämen in die Hölle.

1000 Fragen an mich selbst

Dies wird eine Premiere. Ich lese schon lange gerne bei Blogparaden gerne. Da ich selber aber gerade erst angefangen habe zu bloggen, dachte ich nicht, dass ich bald an einer selber teilnehmen werde. Aber bei diesem Thema wusste ich, dass ich für mich dazu schreiben würde, warum also dann nicht auch auf dem Blog? Es geht um das Thema „Wer bin ich eigentlich noch, wenn ich nicht gerade Mutter bin? Diese Frage stellt sich aktuell die Hamburger Bloggerin Johanna auf dem kreativen Blog Pinkepank.
Es geht darum, 1000 Fragen an sich selbst zu beantworten. Ich liebe so etwas. Als ich vor langer, langer Zeit in Amerika war, habe ich auf Autofahrten und in Cafés mit einer Freundin solche Fragen aus einem Buch namens „What if…?“ durchgespielt. „If you could be anywhere in the world right now, where would you like to be?“ und Ähnliches. Es macht einfach Spaß – und lässt einen anders über Dinge nachdenken.
Aber genug Vorspann. Hier die erste Teil des Fragebogens, weitere werden wohl folgen.
1. Wann hast du zuletzt etwas zum ersten Mal getan? 
Genau jetzt. Ich habe nämlich noch nie zuvor an einer Blogparade teilgenommen.
2. Mit wem verstehst du dich am besten?
Praktischerweise mit meinem Mann. Was nicht bedeutet, dass wir nie streiten.
3. Worauf verwendest du viel zu viel Zeit?
Grübeln. Und im Internet surfen. Auch wenn es manchmal Inspirationen mit sich bringt – oft vertue ich damit zu viel Zeit.
4. Über welche Witze kannst du richtig laut lachen?
Ebenfalls sehr praktisch: Am lautesten lache ich oft, wenn man Mann einen Witz macht. Es könnte sogar sein, dass sein Humor das erste war, was mir damals an ihm gefallen hat.
5. Macht es dir etwas aus, wenn du im Beisein von anderen weinen musst?
Bei Familie und engen Freunden: nein. Unter Bekannten oder Fremden: Ja. Zuletzt habe ich geweint, weil eine sehr entfernte Bekannte mir vom schweren Unfall ihrer Tochter erzählt hat. Es war mir erst ein wenig peinlich, weil wir uns nicht so gut kennen. Aber es ist einfach so: Seit ich Kinder habe, kann das Mitfühlen viel weniger zurückhalten.
6. Woraus besteht dein Frühstück?
Normal: Toast mit Käse und Marmelade. Manchmal: Müsli. Premium: French Toast. Immer: Kaffee.
7. Wem hast du zuletzt einen Kuss gegeben?
Meiner Tochter heute morgen.
8. In welchen Punkten gleichst du deiner Mutter?
Vermutlich in mehr Punkten, als ich möchte.
9. Was machst du morgens als erstes?
Mit meinem kleinen Sohn kuscheln, der genauso schwer aus dem Bett kommt wie ich. Praktischerweise liegt er manchmal schon neben mir, weil er nachts zu uns rübergewandert kam.
10. Kannst du gut vorlesen?
Ich finde schon. Drache Kokosnuss, Matilda und Oskar haben alle verschiedene Stimmen, zwei Tiere mehr gehen auch noch, danach ist Sense. Aber ich lese mit Begeisterung vor und häufig länger als ich uhrzeittechnisch sollte.
11. Bis zu welchem Alter hast du an den Weihnachtsmann geglaubt?
Da bin ich mir nicht sicher, aber ich weiß, dass der Weihnachtszauber auch dann noch geblieben ist, als ich wusste, dass mein Vater die Geschenke aus dem Keller holt und unter den Baum legt.
12. Was möchtest du dir unbedingt mal kaufen?
Momentan gerade: Eine Wii zum Tanzen und Sport machen. Vor allem mit den Kindern. Neulich habe ich meiner Tochter den Macarena-Tanz beigebracht und wir hatten irre Spaß.
13. Welche Charaktereigenschaft hättest du gerne?
Ich wäre gerne selbstbewusster.
14. Was ist deine Lieblingssendung im Fernsehen?
Im Fernsehen schaue ich nur Tagesschau und Tatort regelmäßig. So richtig Lieblingssendungen habe ich eher auf Netflix.
15. Wann bist du zuletzt in einem Vergnügungspark gewesen?
Letzten Sommer mit den Kindern in Germendorf. Aber so richtig für das eigene Vergnügen wohl zuletzt im Heidepark Soltau vor gefühlt hundert Jahren. Und die Zeiten von Loopingbahn und kopfüber hängen habe ich leider auch hinter mir.
16. Wie alt möchtest du gerne werden?
Da ich mich gerade viel mit dem Thema Pflege beschäftige: Ich möchte nur das Alter erreichen, in dem ich noch selbstbestimmt leben kann. Die Zeit danach möchte ich ungerne erleben.
17. An welchen Urlaub denkst du mit Wehmut zurück?
Bei Wehmut fällt mir die Trekking Tour durch den Westen Nordamerikas ein. Weil ich 20 war und ein ganz anderes Lebensgefühl hatte als heute. Die Welt war offen und alles war möglich, ich hatte ein Gefühl völliger Freiheit. Ich war der Ansicht, man kann überall glücklich sein. Das war schön und ich denke gern daran. Mit ein bisschen Wehmut, denn die Jahre danach war ich nicht so glücklich.
18. Wie fühlt sich Liebeskummer für dich an? Meine deutlichste Erinnerung an den entscheidendsten Liebeskummer, den ich je hatte: Als würde die Welt untergehen. Als hätte jemand mein Herz so schwer gemacht, dass ich nicht mehr aufstehen und nichts mehr tun kann. Zum Glück hat damals der Liebeskummer nur ein paar Tage gedauert und dann kam alles anders.
19. Hättest du lieber einen anderen Namen?
Nein, ich mag meinen Namen. Schon immer. Man kann keine Spitznamen daraus machen und die einzige Assoziation gibt es zu den Kindern aus Bullerbü. Es hätte schlimmer kommen können.
20. Bei welcher Gelegenheit hast du an dir selbst gezweifelt?
Zuerst wollte ich sagen: Ständig. Im Alltag sehr oft. Bei den wichtigen, großen Entscheidungen interessanterweise aber nicht. Fällt mir jetzt auf.

Neustart

So ist das also, wenn man erfährt, wo man einem halben Jahr leben wird.

Nämlich 3.000 km von hier, auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres, in einem Land, das sich als die Wiege Europas begreift, auch wenn wir es innerlich mehr nach Asien schieben würden. Unter Menschen, die eine Sprache sprechen, bei der mir meine bisherigen Sprachkenntnisse überhaupt nicht weiterhelfen. Und die – als wäre das nicht genug – eine uralte eigene Schrift haben, die wunderschön aussieht und komplett unverständlich ist.

Wir werden nach Georgien ziehen. Wir haben es sozusagen als Weihnachtsgeschenk erfahren und konnten also Silvester schon auf unser Abenteuer anstoßen. Einmal Konfettiregen für Georgien, bitte!

Gestern abend haben mein Mann und ich gelacht, als wir uns vorgestellt haben, wie er mir bei unserem damaligen Kennenlernen sagt: Und übrigens werden wir später mal in Georgien leben. Klar. Und eine Mondlandung mitmachen.

Das Leben ist verrückt. Irgendwie. Und bevor jemand fragt: Ja, wir hatten Georgien auf unserer Liste. Mein Mann war schon in Tiflis bzw. Tbilissi und fand es wunderschön und freut sich auf den Posten dort. Und ich hatte mich überzeugen lassen, dass man dort gut leben kann. Ich hatte auch bereits Abschied von der leisen Hoffnung genommen, in ein Land zu ziehen, das uns sprachlich näher liegt. Wo die Kinder eine Sprache lernen, die ihnen nützt und die nicht nur exotisch im Lebenslauf aussieht. Aber gut. Es geht auch um andere Dinge im Leben.

Zwischen Neugier und Angst

Ich gebe zu, ich bin wirklich neugierig auf das Land. Die Menschen sollen sehr freundlich sein, gastfreundlich, sehr offen gegenüber Menschen aus Deutschland. Sie singen viel, machen viel Musik. Wenn man gemeinsam isst, packen sie den Tisch voll mit verschiedensten Gerichten, weil es an nichts mangeln soll. Der Reihe nach werden Tischreden gehalten, auf jeden mal ein Gläschen georgischen Wodka getrunken, der dort Tschatscha heißt. Das sind erst einmal alles Details, die ich von anderen gehört habe, aber die eine bestimmte Kultur widerspiegeln. Auch wenn es mich sprachlich mehr nach Washington gezogen hätte – bei dem Gedanken an dortige Riesenmalls, die unendlichen Reihen an Chips und Cornflakes in den Supermärkten und an Shopping-Feiertage dachte ich neulich: Dann lieber in ein einfaches Land, wo es keinen verschwenderischen Überfluss und Konsumwahn gibt. Wo andere Werte im Vordergrund stehen. Welche, das wird sich zeigen.

Was habe ich also als erstes gemacht nach dieser Nachricht? Ich habe nicht den Lebensbericht noch einmal gelesen, in dem auch von mangelnder Infrastruktur, Smog und anderen unschönen Dingen die Rede ist. Das hat alles noch Zeit. Nein, ich habe mir einen Bildband über Georgien bestellt, der letztes Jahr erschienen ist. Er zeigt weite Landschaften, Klöster hoch oben in den Bergen, Altstädte, die auch in Italien liegen könnten. Und dann habe ich mich riesig gefreut, wenn mir Freunde begeistert erzählt haben, sie wollen uns dort unbedingt besuchen. Nächster Konfettiregen.

Also alles gut? Nicht ganz.

Natürlich habe ich auch Ängste. Vor vielen Dingen, und werde bestimmt noch darüber schreiben. Aber das ist nicht das Schwierige. Was mir wirklich zu schaffen macht: Ich scheitere jedes Mal daran, mit Menschen, die mir nahestehen, darüber zu sprechen, dass wir bald weg sind. Also weit weg. Ich gebe zu, das zerreißt mir das Herz. Da schaffe ich es nicht, freudig zu sagen: Ja, wir haben das so gewollt! Stattdessen winde ich mich ein bisschen, stelle es als höheres Schicksal dar. Was es zum Teil auch ist. Aber ich möchte auch immer noch so tun, als gebe es noch einen minikleinen Ausweg, eine Möglichkeit, dass alles anders kommt. Ich tue mich schwer mit der Endgültigkeit der Entscheidung.

Da ist die nähere Familie, von der man wegzieht. Freunde, mit denen man den Alltag dann nicht mehr teilt oder die man bisher zumindest mal ab und zu besucht hat. Ich weiß – es gibt viele Möglichkeiten, Kontakt zu halten, sich gegenseitig auch weiterhin Einblick in das eigene Leben zu geben. Aber natürlich ist es nicht dasselbe.

Das schwerste Gespräch steht uns noch bevor. Ich gebe zu, ich fürchte es. Aber das darf ich mir dann nicht anmerken lassen. Es ist das Gespräch mit unseren Kindern. Ich habe schon darüber geschrieben, dass unser vierjähriger Sohn sein Herz sehr an seine Umgebung hängt. An alles. Und dass ich ihm versprechen sollte, dass wir für immer hier wohnen. Manche Momente machen mir das Herz schwer. Zu sehen, wie er glücklich alle Kinder auf seinem Kita-Foto aufzählt und wer alles sein Freund ist.  Daran zu denken, wie schwer ihm der Wechsel in eine neue Kita fiel und wie lange es dauerte, bis er sich dort zuhause fühlte und jemanden als Freund bezeichnet hat. Da fängt meine innere Stimme an mich anzuklagen: Und du sagst ihm: Das alles nehme ich dir jetzt wieder weg?

Oder der Moment, als meine Tochter heute morgen fröhlich erzählte, wen sie alles zu ihrem Geburtstag einladen will und ich wusste: Da sind wir nicht mehr hier. Innerlich plane ich jetzt schon ihre große Abschiedsparty, die sie stattdessen feiern kann. Aber gleichzeitig weiß ich, es wird großes Wehklagen geben, wenn sie erfährt, dass ihr achter Geburtstag woanders stattfinden wird.

Ich weiß, sie haben ein Recht darauf, es zu erfahren. Ich würde es so auch nicht länger aushalten. Was ich dann aushalten muss: Ihre Ängste und ihre Trauer und ihre kleinen schweren Herzen. Aber hoffentlich schaffen wir auch eine Vorfreude auf unser Abenteuer. Wir werden zusammen sein und wir werden es uns schön machen. Wir werden neue Erfahrungen machen, gute und schlechte. Wichtig ist: Wir werden sie gemeinsam machen.

Und wer weiß, vielleicht wird mich die Reaktion der Kinder auch überraschen. Neulich habe ich meine Tochter dabei gesehen, wie sie die Einbauküche untersuchte. „Die kann man doch rausnehmen, oder, Mama? Dann nehmen wir sie mit.“ Abstrakt ist ihr das mit dem Umzug schon länger klar, das hatten wir mit beiden auch schon besprochen. Nur nicht, dass es jetzt konkret wird. Wer weiß, vielleicht kommt als erstes nur: „Super! Ihr habt gesagt, dann kriegen wir ein Haustier!“

Ich werde auf jeden Fall berichten, wie es war.

Eure

Inga

 

 

 

 

Sorry, 2018. Ich habe leider keinen Plan für dich.

„Mein Jahr 2018“, „Dein bestes Jahr“, „Das Jahr deines Lebens“ – Newsletter mit solchen Botschaften trudeln gerade in mein Mailpostfach. Die meisten wollen mir damit etwas verkaufen, ein Workbook, ein monatliches Coaching-Abo, eine Facebook-Gruppe oder einen Onlinekurs, der mir dabei helfen soll, meinen (beruflichen) Erfolg für 2018 besser zu planen.

Planen. Ziele setzen. Das mache ich zum Jahresende eigentlich gerne. Ich reflektiere, was in dem Jahr alles schön war, versuche auch, mir klarzumachen, worauf ich stolz sein kann in diesem Jahr. Man blickt nämlich zu selten auf das Erreichte und zu oft auf das, was noch vor einem liegt oder was man nicht geschafft hat. Ich mache mir gerne Gedanken, wie das Jahr war, für uns alle, für uns als Familie. Ob ich meine Zeit so verbracht habe, wie ich es wollte. Ob ich mich um die Dinge gekümmert habe, die mir wichtig waren. Ja, das habe ich. Alles in allem war es ein gutes Jahr.

Und das wundervolle, beste Jahr 2018? Das muss leider ohne meine Planung und Ziele auskommen. Ich weiß nämlich nicht, woran ich die nächsten Monate ganz konkret arbeiten werde. Wie ich dafür bezahlt werde. Ob es super läuft, mit neuen Projekten, oder nicht. Ob es zu viel Arbeit wird oder zu wenig. Ich weiß nicht, wo wir nächstes Jahr Weihnachten feiern werden. Wann wir umziehen. Wohin wir umziehen. Ob wir bis zum Umzug als Familie zusammenwohnen werden – denn auch mein Mann weiß nicht, wo er nächstes Jahr arbeiten wird und ab wann.

Alles ist in der Schwebe. 

Ich habe also abstrakte Wünsche, wie ich mich nächstes Jahr fühlen möchte. Ich möchte in meinem neu eingerichteten Home Office sitzen, oben in meinem hellen Dachgeschoss zwischen den schönen Dingen, mit denen ich mich dort umgeben habe, und begeistert an Projekten arbeiten. Ich möchte mir eine Homepage aufbauen, Visitenkarten drucken, mit meinem Business überhaupt erst mal an den Start gehen. Ich möchte einen Businessplan schreiben für den Gründerzuschuss. Und ich möchte die Nachmittage mit den Kindern verbringen, ohne ständig zwischendurch auf Bildschirme zu schauen. Ich möchte für sie da sein, ihnen zuhören, mit ihnen rumalbern und Zeit für sie haben.

Zeit.

Auch das wäre ein Wunsch: Mehr Zeit. Man kann die Anzahl der Stunden am Tag nicht ändern, aber die Art, wie man sie wahrnimmt. Meditation, Achtsamkeit, Muße – das wäre mir wichtig. Zwischendurch innehalten, denn das kam zu kurz. Nicht immer nur effizient herumhetzen, wie ich es momentan tue.

Klar, Sport ist auch jedes Jahr bei den Wünschen. Aber da ich noch nicht weiß, wie ich mir die Zeit einteilen kann, bleibt auch dies ein abstrakter Wunsch – ebenso wie Gesundheit für uns alle. Wie gesunde Ernährung.

Aber Ziele, Meilensteine, konkrete Planung? Sorry, 2018. Ich werde mich in dich hineinstürzen, voller Leichtigkeit und Vertrauen, dass alles gut wird. Voller Akzeptanz dessen, was da kommen mag. Nicht passiv, nicht abwartend, nicht schicksalsergeben, aber offen für alle Veränderungen. Annehmend. Wenn ich dich mit Worten charakterisieren müsste, wären es: Zuversicht. Mut. Vertrauen ins Leben. (Das, was früher einmal Gottvertrauen war.)

Ich bin mir sicher, 2018 wird ein aufregendes Jahr. Und sind wir doch mal ehrlich: Täuschen wir uns nicht selbst, wenn wir uns einreden, wir könnten alles planen? Wir müssen uns nur Ziele setzen und dann durchhalten? Oft kommt einfach das Leben dazwischen. Da muss man flexibel Planungen anpassen an gegebene Umstände oder an plötzliche Veränderungen oder an die Wünsche, Pläne, Aktivitäten der Menschen, die zu einem gehören. Planungen schaffen oft eine vermeintliche Sicherheit, die es nicht gibt.

Das Gegenteil von Sicherheit ist nicht Unsicherheit. Es ist das gelassene Anerkennen der Tatsache, dass unser Leben immer unwägbar und daher überraschend sein wird. Und mit diesem Gefühl möchte ich in das Neue Jahr starten.

 

Für immer

„Mama, ich möchte für immer in unserem Haus wohnen, solange wir leben“, sagt mein kleiner Sohn beim Einschlafen. „Versprichst du mir, dass wir für immer hier wohnen?“

Ich winde mich raus, sage ihm, dass wir noch ganz lange hier wohnen werden. Nein, er besteht darauf: Für immer.

Wie sage ich einem Vierjährigen, dass wir umziehen müssen? Dass wir nicht nur in einem anderen Haus wohnen werden, sondern sogar in einer Straße, einer anderen Stadt, wo es seine Kita nicht gibt und auch nicht den Bäcker, zu dem er am Wochenende immer mit dem Papa hinradelt, um morgens Brötchen zu holen? Wo es andere Spielplätze gibt, anderes Essen, eine andere Sprache – und keinen seiner Freunde?

Er ist in einem Alter, wo er merkt, dass sich Dinge verändern, und er findet das nicht gut. Aber er findet seine eigenen Erklärungen: Wenn jemand stirbt, kommt er hinterher wieder vom Stern am Himmel zurück und in den Bauch seiner Mama. „Dann bin ich wieder dein Baby und werde geboren. Du bist immer meine Mama.“ Das kann ich ihm versprechen – ich werde immer seine Mama sein. Und wir werden immer als Familie zusammen sein, solange er das wünscht. Aber alles andere verändert sich: Er wird größer, seine Welt wird größer und damit kommt auch eine Unsicherheit. Was ist beständig, was bleibt? Er hängt an allem, selbst wenn es nur ein kleiner Stein ist, den er gefunden hat. Er möchte nichts hergeben. Er hat Angst, wenn seine große Schwester wütend sagt, sie geht jetzt ganz weit weg. Er möchte am liebsten immer bei mir sein, auch wenn er in der Kita mit den anderen gerne herumtobt und ihm seine Freunde wichtig sind. Vielleicht bin ich gerade die Konstante in seinem Leben, weil er weiß: Mama bleibt immer meine Mama und ist immer da, wenn ich sie brauche.

Ich kann nicht verhindern, dass alles sich ändert, selbst wenn wir nicht ins Ausland gehen würden. Selbst dann ziehen vielleicht einige seiner Freunde um, geht er irgendwann in die Schule, ändert sich seine Perspektive auf die Welt von Tag zu Tag, weil er neue Erfahrungen macht. Aber ich kann ihm vielleicht eine sichere Höhle verschaffen – eine vertraute Umgebung, vertraute Rituale, die bleiben. Ich merke, wie ich verstärkt solche Dinge tue, die wir als Vertrautes mit ins Ausland nehmen können: Adventskalender bastele, die wir jedes Jahr hervorholen können. Mit den Kindern Laternen bastele und Kekse backe. Ich habe selber ein Bedürfnis nach dieser kleinen, sicheren Welt zuhause, damit die beiden sich gut fühlen – und damit wir, wenn wir wegziehen, diese sichere Welt mitnehmen können. Und zwar für immer.

 

 

Ein Kopf voller Fragezeichen

Wir gehen in einem Jahr ins Ausland. Wohin, wissen wir noch nicht. Ja, es ist ein Abenteuer.
Ich höre mich diese Sätze sagen und trotzdem kommt es nicht richtig bei mir an. Ich kann es nicht begreifen. Meine Gedanken fliegen davon, sobald ich versuche, darüber nachzudenken. Sie sind große Luftballons mit Fragezeichen, die beim Reden zerplatzen und innen ist – nichts.
Die Fakten: Wir haben also die Liste abgegeben. Die berühmte Liste, von der die Personalabteilung jetzt aussuchen darf, wohin sie uns nächstes Jahr schickt. Darauf stehen Länder, Hauptstädte, die mir bis auf eine noch fremd sind. Bei dreien davon kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, wie es ist, dort zu leben. Sie liegen in Osteuropa. Ich kann nicht sagen, dass ich jemals das Bedürfnis hatte, dorthin zu ziehen.
Ich habe nie Zeit darüber nachzudenken, was das für uns alle bedeutet. Ich verstecke mich in unserem Alltag, in Arbeit, Organisationskrams, Gedanken zu Schule und Kita, der Frage, wie es den Kindern jetzt geht. Es geht ihnen gut, sehr gut sogar. Sie sind gerade so richtig angekommen in Schule und Kita. Die Große ist zur Klassensprecherin gewählt worden, hat einen Selbstbewusstseinsschub, der ihr richtig gut tut. Sie braucht lange, um irgendwo anzukommen und jetzt, in der zweiten Klasse, fühlt sie sich wohl in der Schule. Der Kleine tut sich schwer damit, jemanden als Freund zu bezeichnen. Er hat zwei Lieblingsmenschen auf der Welt: Jasper, den er schon kennt, seit er zwei ist, und Frieda, die er in der benachbarten Kitagruppe für sich entdeckt hat. Seither sind sie unzertrennlich. Sie sind richtige, wahre Freunde, die er liebt. Er ist erst vier und hat das Gefühl, er müsste viele Freunde haben. Stattdessen hat er – schon in diesem Alter – etwas Wahres und Wichtiges entdeckt: Nicht jeder, mit dem man kurz super zusammen spielt und Interessen teilt, ist sofort ein Freund. Beide Kinder bauen echte Beziehungen zu anderen Menschen auf.
Wie können wir es ihnen antun, diese Menschen wieder aufzugeben? Immer wieder von vorne anzufangen? Nicht nur nächstes Jahr, sondern auch vier Jahre danach schon wieder? Eine Stimme in mir sagt: Naja, andere machen das ja offensichtlich auch. Die Kinder wachsen bestimmt weltoffener auf. Mit einem anderen Freiheits- und Abenteuerdrang. Können sich leichter von Gewohntem lösen, von vorne anfangen, durch die Welt ziehen. Ja, sagt die zweite Stimme: Aber heißt das nicht einfach, dass sie entwurzelt sind? Heimatlos, ohne Bindung zu anderen Menschen außerhalb ihrer Eltern und dem einen Geschwisterkind?
Die Stimmen streiten sich häufig. Wenn mein Sohn sich abends beim Zubettgehen wünscht, dass wir nächstes Jahr im Sommerurlaub in das gleiche Land in das gleiche Ferienhaus fahren, zum Beispiel. Dann denke ich: Ihm sind Wiederholungen, Rituale, Vertrautes so wichtig. Wenn er länger nicht bei Oma und Opa war, sagt er ganz traurig: Ich weiß gar nicht mehr, wie es dort aussieht. Und dann denke ich daran, wie gerne ich dort bin und jedes Mal etwas Vertrautes aus meiner Kindheit sehe. In meinen Träumen kommt mein Elternhaus häufig vor. Weil wir nie umgezogen sind. Weil es mein Zuhause war für 18 Jahre, weil ich mit der Umgebung alle Erlebnisse, Gedanken und Gefühle aus meiner Kindheit verbinde. Woran werden unsere Kinder sich erinnern?
Sie lieben es, die Wege in ihrer Nachbarschaft zu kennen. Sich auszukennen, hier zuhause zu sein. Klar nehmen wir alle Möbel mit, alle Gegenstände in unserem Zuhause. Aber es wird anders aussehen, woanders liegen, vielleicht kann man nicht vor dem Haus Fahrrad fahren, vielleicht gibt es einen Schulbus statt einen Fahrradweg. Die beiden werden schon Tränen vergießen, wenn wir unser blaues Auto verkaufen. Falls wir es verkaufen müssen.
Was tun wir hier eigentlich? Leicht panisch kommt in mir diese Frage hoch, wenn ich die verwunderten Blicke anderer sehe, denen ich davon erzähle. In der Kita komme ich mir vor wie eine Heuchlerin, wenn es um das Sommerfest nächstes Jahr geht und ich denke: Vielleicht sind wir da schon weg. Aber nichts sage, damit der Kleine nicht den Stempel kriegt: Er ist ja bald weg. Da lohnt es sich doch nicht mehr, Kontakte zu knüpfen.
Er wird nie hier in Berlin in die Schule gehen. Zumindest nicht für die nächsten 8 Jahre. 8 Jahre…Diese Zahl bringt mich immer zu einem Gedanken, der zu schmerzvoll ist, um ihn jetzt aufzuschreiben. Davon ein anderes Mal. Ich werde versuchen, mein Gedankenwirrwarr zu sortieren. Und das – wie schon immer – am liebsten beim Schreiben. Und wenn ich Glück habe, liest vielleicht jemand mit, der all das schon durchgemacht hat und mir sagen kann, wie das ist: Ins Ausland ziehen mit der gesamten Familie. Sich für ein Nomadenleben zu entscheiden. Freiwillig.

Von Addis Abeba bis Zagreb

Und da sitzen wir nun und lesen Länderberichte. „Bericht über die Lebensbedingungen am Dienstort Kuala Lumpur.“ Lese ich das gerade wirklich? Das ist so unendlich weit entfernt von unserer aktuellen Lebenswirklichkeit, so unvorstellbar. Und wie soll man sich entscheiden, wo man die nächsten vier Jahre leben will – also leben, nicht Urlaub machen, sondern wohnen, arbeiten, schlafen, essen, zur Kita und Schule gehen, sich erholen, Geburtstage feiern, Ausflüge machen – leben.

Wir lesen Berichte von A bis Z, von Addis Abeba bis Zagreb. Über die höchste Hauptstadt der Welt (Quito), über die Hauptstadt mit der schlimmsten Luftverschmutzung (Ankara). Über nicht trinkbares Leitungswasser, Linksverkehr, Kriminalität, über deutsche und internationale Schulen, über extreme Klimaschwankungen, unterschiedliche Wohnbedingungen, mögliche und unmögliche Arbeitsbedingungen für Ehepartner.

So viele Informationen und doch so wenig. Eigentlich müsste ich Tag und Nacht im Internet surfen und mir Lebensbedingungen anderer Ländern anlesen, mich informieren, mir ein Bild davon machen, wie es ist, in diesen Hauptstädten zu wohnen.

Erst wenn man etwas aufgibt, weiß man es zu schätzen.

Und dann telefonierst du mit deiner Schwester und ihrer kleinen Tochter und denkst: Ob wir wohl irgendwo wohnen, wo sie uns besuchen können? Und dann siehst du deine Tochter zur Schule fahren mit ihrem kleinen Fahrrad und denkst: Ob sie wohl mit einem Schulbus fahren muss? Ob wir mal Angst haben müssen vor Kriminalität? Und dann bist du plötzlich dankbar für alles, was Deutschland zu bieten hat: Sicherheit, sauberes Trinkwasser, gute Straßen, öffentlichen Nahverkehr, verlässliche Bildungseinrichtungen, Strom, Internet, Bio-Lebensmittel. Du siehst den Luxus, der dich umgibt und der einem so selbstverständlich erscheint, wenn man es nicht anders gewohnt ist.

Wir wollen ein Abenteuer, aber wie anders darf es sein, wie exotisch, wie riskant?

Mit Kindern denkt man anders. Wir haben Verantwortung für sie – dass sie sich wohlfühlen, mit der anderen Sprache und Kultur zurecht kommen, Freunde finden, Hobbies haben können, sich frei bewegen können. Keine Angst haben müssen. Und irgendwie auch etwas Positives mitnehmen können aus den Lebensumständen. Es zwingt uns schließlich keiner zu diesem Leben im Ausland – da sollte es doch wenigstens für uns auch Vorteile haben, oder? Beispielsweise, indem die Kinder eine andere Sprache lernen, die sie später gebrauchen können. Oder reicht es vielleicht, wenn unsere Kinder später weltoffener sind aufgrund ihrer Erfahrungen? Wenn sie erlebt haben, dass es andere Kulturen, Perspektiven, Lebensweisen gibt und dass das schön ist? Und wenn sie zu schätzen wissen, dass sie in einem Wohlstandsland geboren sind und merken, dass dieses Privileg zufällig ist und nichts, was einem zusteht?

Die Wahrheit ist: Selbst wenn wir alles über das Land wüssten, in das wir ziehen – wir wüssten nicht, wie es auf uns wirken und uns verändern wird. Weder bei uns selbst noch bei unseren Kindern. Das einzige, was momentan also hilft ist: Vertrauen.

 

 

 

 

Die Suche beginnt

Life is either a daring adventure or nothing at all. – Helen Keller

Jetzt geht es also los. Die Suche. Oder das Finden. Serendipity. Wir werden versuchen zu planen und uns vorzustellen, wo wir bald leben werden, und vermutlich wird es dann ganz anders kommen. Aber ist es mit den besten, schönsten Dingen im Leben nicht genauso?

Die Liebe seines Lebens zu treffen, lässt sich nicht planen.

Kinder zu bekommen, lässt sich zwar beeinflussen, aber nicht planen. Ob und wieviele und ob es Jungen oder Mädchen sind, was für Menschen sie sein werden. Nicht planbar.

Jetzt stehen wir also an der Stelle, wo aus der Liebe meines Lebens ein Diplomat wird, aus mir eine MAP – eine mitausreisende Partnerin – und aus den Kindern Third Culture Kids. Ein neuer Begriff, über den ich gestolpert bin. Eines von vielen Worten, die mir klar machen, wie sich unser Leben ändern wird. Expat. International School. A-Land, B-Land, C-Land. WBR – Wohnungsbesichtigungsreise.

Ich habe das Gefühl, mich genauso naiv in dieses Abenteuer zu stürzen wie in einige zuvor: Als ich nach dem Abi als Au Pair nach Washington D.C. gegangen bin, wusste ich nicht, was mich erwartet, bei welcher Familie ich ein Jahr lang wohnen werde oder wie ich so auf mich allein gestellt klarkomme. Als ich nach Berlin zu einem mir nur kurze Zeit bekannten Mann gezogen bin, einfach nur auf ein Gefühl hin, wusste ich nicht, ob es hält. (Auch wenn das Gefühl sehr stark war.)  Als ich Kinder mit ihm bekam, wusste ich nicht, wie es ist, Mutter zu sein. „Wenn man genau weiß, was man machen wird, wozu soll man es dann machen?“ hat angeblich Picasso gesagt. „All life is an experiment. The more experiments you make the better”, hat Ralph Waldo Emerson gesagt. Und dann gibt es natürlich noch meinen Lieblingsaussteiger Thoreau: “The mass of men lead lives of quiet desperation.“ Das hänge ich mir über die Tür, wenn ich in einem fremden Land mitten zwischen Kulturschock und fehlender Infrastruktur die Krise kriege, damit ich weiß: wenigstens habe ich das Abenteuer gewählt.

Denn es ist klar, was ich nicht will. Ich will keine leise Verzweiflung, keine Stimmen, die vom abendlichen Fernseher übertönt werden, wenn sie mir sagen: Das hier soll alles sein? Jahre vergehen und ihr sitzt hier im Reihenendhaus am Rande Berlins hinter eurer Hecke, ohne drüberzuschauen? Wirklich?

Es wird ein Abenteuer sein, keine Langeweile. Das steht schonmal fest. Wir werden vieles hinter uns lassen und vieles neu entdecken. Wir werden uns stärker aufeinander verlassen müssen als je zuvor. Wir stehen am Anfang einer Reise und suchen unser Ziel. Doch was wir eigentlich tun, ist Lotterie spielen. Wir schmeißen verschiedene Länder in einen Topf und schauen, welches gezogen wird.

Heute sitze ich hier und weiß noch gar nichts. Habe DIE LISTE noch nicht einmal gesehen. Die Liste, die über unsere Zukunft bestimmen wird. Oben im Zimmer sitzen zwei kleine Kinder, basteln mit Bügelperlen und ahnen nicht, wie sehr sich ihr Leben verändern wird. Über unser Suchen und Finden und unsere Reise möchte ich bloggen. Für mich, vielleicht für andere. Denn was tut man, wenn man vor einer Entscheidung steht? Googeln. Nach anderen suchen, denen es genauso geht. Bedeutet für mich: andere Expats, die sich im Ausland neu erfinden, ihre Kinder auf ihrem ungewöhnlichen Weg begleiten und ihr eigenes Leben neu organisieren mussten.

Ich würde mich freuen, mich mit anderen zu vernetzen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder noch machen. Ich freue mich auf euch dort draußen!